Für eine Stadt der vielen Gesichter

Welche räumliche und ästhetische Strategie soll eine Stadt verfolgen, die einem sozialen Gefüge entspricht, das disparat, pluralistisch, tolerant und gerecht ist oder zu sein versucht? Möglichst vielfältig, lautet die eine und heute bevorzugte Antwort: Um mit ihren Architekturformen die Differenziertheit unserer Gesellschaft widerzuspiegeln und die Buntheit der Individuen zum Ausdruck zu bringen, aus denen diese Gesellschaft besteht. Der Gedanke ist nicht neu. Bereits der italienische Architekt und Architekturtheoretiker Antonio Averlino, besser bekannt als Filarete, forderte Mitte des 15. Jahrhunderts für seine Idealstadt Sforzinda lauter unterschiedliche Hausfassaden, den unterschiedlichen Menschen entsprechend, die dahinter wohnten: Das, erklärte er, sei der Wille Gottes. Die andere Antwort, die zuweilen auf die Frage nach der angemessenen Stadtform für eine Gesellschaft der individuellen Freiheit gegeben wird, ist genau entgegengesetzt: Sie solle absolut regelmäßig sein, um jene räumlichen und ästhetischen Ansprüche zu erfüllen, die jenseits der Unterschiede von allen Bürgern geteilt werden: als größter (aber absolut betrachtet sehr kleiner) gemeinsamer Nenner. Auch diese Position lässt sich bis weit in die Geschichte zurückverfolgen. Der griechische Baumeister Hippodamos von Milet, der nicht ganz zu Recht, aber auch nicht ganz zu Unrecht als Vater der Stadtplanung angesehen wird, sah für seine Stadtgründungen wie Piräus oder Thurii (5. Jahrhundert v. Chr.) Typenhäuser vor. Diese sollten alle in Grundriss und Ansicht identisch sein, um die Gleichstellung und Gleichheit derjenigen zu verkünden, die in den wohl frühesten demokratischen Gemeinden zu leben das Privileg hatten. Beide Positionen enthalten ein Stück Wahrheit, beide unübersehbare Aporien. Denn die Stadt der grenzenlosen Vielfalt, die sich als schlichte Addition von Einzelpersönlichkeiten darstellt, ignoriert das, was aus diesen Einzelpersönlichkeiten eine Gemeinschaft macht oder machen sollte. Und die Stadt der absoluten Gleichförmigkeit drängt der Vielzahl von Individuen, die sie beherbergt, eine einheitliche und reduktive ästhetische Norm auf, mit der sich, wenn überhaupt, nur manche identifizieren können. Überdies mochte sie in überschaubaren Gemeinschaften wie jenen der antiken griechischen Kolonien angehen, in denen ein paar Hundert Menschen gleicher Kultur zusammenfanden: In einer modernen Großstadt mit Millionen von Einwanderern aus den unterschiedlichsten Ländern und den unterschiedlichsten Traditionen muss sie versagen.

Eine differenziertere, moderne Haltung vertrat an der Wasserscheide zwischen Barock und Klassizismus der französische Abt und Gelehrte Marc-Antoine Laugier. In seinem streitbaren Essai sur l’architecture (1753) befand er lapidar, die städtischen Fassaden sollten möglichst weitgehend regularisiert und dürften auf keinen Fall den »Launen der Einzelnen« überlassen werden1»(…) caprice de chacun«. o. A. [Marc-Antoine Laugier], Essai sur l’architecture, Paris: Duchesne, 1753, S. 242.: Schließlich gehörten sie der Öffentlichkeit. Zugleich forderte er eine Stadt der Unterschiede, sogar der Überraschungen: Sonst könne sie ihren Einwohnern keine Orientierung bieten und kein Vergnügen bereiten. Laugiers dialektische Intuition ist stark von jenem Labyrinth des absolutistisch inszenierten Vergnügens beeinflusst, das der Gartenarchitekt André Le Nôtre, auf den im Essai auch direkt Bezug genommen wird, ab 1665 für Ludwig XIV. im Park von Versailles geschaffen hatte; und seine Stadt ist in erster Linie eine elegante Staffage für dieselben promenierenden Edelleute, welche die Alleen, Rundplätze und Boskette des Repräsentationsgartens des Sonnenkönigs bevölkerten. Vor allem ist sie primär ästhetisch. Diese Vorstellung der Stadt als mise en scène eines gleichzeitig pragmatischen und ideologischen Dispositivs wird Laugiers Zeitgenosse und Landsmann Pierre Patte überwinden. Seine hintergründige Collage der städtebaulichen Ergebnisse des Wettbewerbs für einen Platz zu Ehren von Ludwig XV. beschwört ein neues Paris, das auch infrastrukturell modernisiert ist; und sein Traktat Mémoires sur les objets les plus importans de l'architecture von 1769 behandelt die Stadt als komplexen funktionellen Organismus.

Aber die Stadt ist noch mehr als das und muss auch ethisch betrachtet werden. Hier prallen wiederum zwei entgegengesetzte und scheinbar unversöhnliche Haltungen zusammen. Auf der einen Seite der Idealismus, der eine allgemeingültige und unverrückbare Verhaltensnorm aufstellt; auf der anderen der Relativismus, der diese Verhaltensnorm von der jeweiligen Situation und Tradition abhängig macht. Beide scheinen wenig mit dem Zustand unserer Gesellschaft und den Bedürfnissen unserer Zeit zu tun zu haben. Spätestens seit Friedrich Nietzsche sind die vermeintlichen Sicherheiten der Normen und Dogmen so radikal in Frage gestellt worden, dass sie sich davon nicht erholt haben. Doch auch der totale Relativismus, jenes neue und vielleicht noch gefährlichere Dogma, nach dem alles relativ ist außer dem Relativen, alles austauschbar außer der Überzeugung der Austauschbarkeit, stellt weder einen produktiven Beitrag zur Ethik noch zur gesellschaftlichen Entwicklung dar. Vielleicht sollte eine zeitgenössische architektonische Kultur, die das Wort, der Mensch sei das Maß aller Dinge, nicht nur salbungsvoll im Mund führt, sondern ernst nimmt und lebt, sich auf denjenigen besinnen, der dieses Wort geprägt hat: Protagoras, einer der bedeutendsten (und diffamiertesten) griechischen Philosophen des 5. Jahrhunderts v. Chr. Für ihn gibt es keine aprioristische, objektive Wahrheit, denn jede Erkenntnis ist (auch) subjektiv beeinflusst. Das bedeutet ihm jedoch nicht, man müsse sich dem Subjektivismus oder gar dem Agnostizismus ergeben. Eine Wahrheit, eine Moral gibt es wohl, aber nur im Diskurs; und es ist im Diskurs, im Dialog, in der Konfrontation unterschiedlicher Auffassungen, dass sie gefunden werden können und müssen.

Die Stadt ist nicht nur ein praktisches Über- und Zusammenlebensinstrument, sondern auch und besonders ein Ort des Dialogs und ein Erkenntnisdispositiv: So lässt sich die Lehre des Protagoras auch auf ihre Form übertragen. Als Erzeugnis einer langen Geschichte ist jede moderne Stadt die Addition verschiedener urbaner Formen und Strategien. Diese Formen und Strategien müssen nebeneinander bestehen dürfen, weil es ebenso wenig eine urbanistische wie eine philosophische Wahrheit gibt. Doch darf dieses Nebeneinander nicht in Indifferenz, sondern muss in einen Dialog münden. Aus diesem Dialog kann Schritt für Schritt eine Annäherung an eine urbanistische Wahrheit erfolgen, die nicht unkritisch alles akzeptiert, sondern immer wieder auswählt.

Die antike Stadt, das mittelalterliche Zentrum, die barocken Anbauten, die klassizistischen Stadtquartiere, die Erweiterungen des 19. Jahrhunderts, die gründerzeitlichen Villenviertel, die Gartenstädte und Gartenvorstädte, die Siedlungen der zwanziger Jahre, die Großsiedlungen der Nachkriegszeit und die Quartiere der Postmoderne dürfen und müssen sich zur zeitgenössischen Großstadt zusammenfügen. Sie alle stehen für Entwicklungen, die zwar historisch bedingt sind und vielleicht auch historisch überholt, von denen wir aber nach wie vor lernen können. Natürlich entsprechen sie kaum den zeitgenössischen Anforderungen an eine moderne Stadt. Wir erhalten und pflegen sie gleichwohl, weil sie ihrem Anachronismus zum Trotz in vielerlei Hinsicht auch für unsere Gesellschaft brauchbar sind. Und weil sie Teile einer Geschichte, einer Kultur und einer Identität sind, auf die wir nicht verzichten wollen und dürfen. Was nicht bedeutet, dass alles, was in der Stadt gebaut wurde, erhalten werden muss. Es gibt neben attraktiven auch unzumutbare mittelalterliche Stadtteile, es gibt gute und schlechte Quartiere aus dem 19. Jahrhundert, gute und schlechte Gartenstädte, gute und schlechte Siedlungen. Im Erneuerungsprozess, dem jede Stadt unterworfen ist, wird man sich von Misslungenem und Unwohnlichem trennen: Das ist immer wieder geschehen und wird weiterhin geschehen. Aber man wird sich nicht davon trennen, weil man die Strategie an sich ablehnt, sondern weil ihre Umsetzung Mängel aufweist. Jedes in sich schlüssige, konsequente Konzept verlangt Respekt und damit Erhaltung und Pflege.

Seit ihrem fernen Ursprung vor über 10.000 Jahren liest sich die Geschichte des Städtebaus wie eine stets rascher werdende Abfolge von Strategien, die einander abgelöst haben – oft nicht ohne Streit. Dabei hat sich immer wieder das, was in einer Epoche abgelehnt wurde, in der späteren als durchaus diskutabel und zuweilen sogar als wünschenswert erwiesen. Aus der intellektuellen Not der leichtfertig aufgebauten, leichtfertig verworfenen und fahrig aufeinanderfolgenden Leitbilder sollte eine Tugend werden: jene der geschichtlichen Erkenntnis. Dafür bildet die grosse historische Stadt als Summe und Schichtung unterschiedlicher Städte das ideale Mittel. Zugleich verkörpert sie die Mahnung, mit städtebaulichen Urteilen vorsichtig umzugehen. Die urbanistische Disziplin hat ihre Paradigmata im letzten halben Jahrhundert mit einer Geschwindigkeit und einer Kopflosigkeit geändert, die uns zu denken geben muss. Und daran erinnern sollte, dass wir unsere Städte nicht für uns und für den Augenblick, sondern für Menschen bauen, die nach uns kommen und anders sein werden als wir. Die Stadt als historische Collage wird umso wirksamer (und übrigens auch umso attraktiver) sein, je qualitätsvoller, aber auch je radikaler ihre einzelnen Teile sind und je schärfer sie aneinandergefügt werden. Also: je konsistenter die einzelnen Quartiere ausgebildet, je deutlicher ihre besonderen Eigenschaften ausgearbeitet, je präziser die Grenzen zwischen ihnen formuliert sind. Die Unterschiedlichkeit des Urbanen ist eine Qualität: Sie darf und muss kultiviert werden. Sie macht die Stadt vielseitiger, reicher, interessanter und nicht zuletzt lebensfähiger. Das gilt für ihre physische Form, aber auch für ihre theoretischen Voraussetzungen. Stadtformen sind immer auch Ausdruck von Ideen. Wenn diese Ideen klar, kompromisslos und innovativ sind, werden die urbanen Formen, nicht anders als Protagoras’ Worte, einen entscheidenden Beitrag zum Erkenntnisdispositiv Stadt liefern.

Veröffentlicht als: »Für eine Stadt der vielen Gesichter. Das Nebeneinander unterschiedlicher Quartiere als Nebeneinander von Lebensentwürfen«, in: Neue Zürcher Zeitung, 235 (2014), Nr. 224, 27. September 2014, S. 63.