Für eine Neugründung der Disziplin Städtebau

Seit es sie gibt, also seit etwa 10.000 Jahren, wurden die Städte unserer Welt geplant und die Prinzipien der jeweiligen Planungen reflektiert. Der griechische Staatstheoretiker und Baumeister Hippodamus von Milet entwickelte im 5. Jahrhundert v. Chr. eine gleichermaßen rigorose wie geschmeidige Stadtanlage mit eigens ausformulierten Typenhäusern, die unter seinem Namen in die Geschichte einging. Der römische Militäringenieur, Architekt und Architekturtheoretiker Vitruv widmete größere Teile des ersten, fünften und sechsten seiner Zehn Bücher über Architektur urbanistischen Themen, und ähnlich verfuhren diejenigen, die sich in der Renaissance auf ihn beriefen, allen voran Leon Battista Alberti und Andrea Palladio. Die Neugestaltung Roms, die der Ingenieur, Architekt, Maler und Bildhauer Domenico Fontana nach den Vorgaben von Papst Sixtus V. unternahm, war eine groß und komplex angelegte Stadtplanungsmaßnahme, die ihr Autor in dem Band Della trasportatione dell’obelisco vaticano et delle fabriche di nostro signore papa Sisto V (1590) dokumentierte. Ebenso der Wiederaufbau des Stadtzentrums von Lissabon nach dem Erdbeben von 1755, der nach dem Willen von Sebastião José de Carvalho e Mello, dem späteren Marquis von Pombal, von den Festungsingenieuren und Architekten Manuel da Maia, Eugénio dos Santos und Carlos Mardel orchestriert wurde. Wenige Jahre später, 1769, widmete der französische Architekt und Theoretiker Pierre Patte große Teile seines Werks Mémoire sur les objets le plus importans de l’architecture der Stadtmodernisierungstheorie des Embellissements. Überwiegend wurde allerdings Städtebau von Landvermessern und Festungsbaumeistern betrieben, und das Wissen über die Planung von Städten wurde nur kursorisch gesammelt und systematisiert.

Das änderte sich im ausgehenden 19. Jahrhundert. Unter dem Druck der weitreichenden Verwandlungen, denen vor allem die großen europäischen Städte unterzogen wurden, wurde die Etablierung einer Disziplin notwendig, die diese Verwandlungen steuern sollte. 1867 erschienen die beiden monumentalen Bände von Ildefons Cerdàs Teoría general de la urbanización y aplicación de sus principios y doctrinas a la reforma y ensanche de Barcelona, in welchen der katalanische Stadtingenieur in eine, wie er selbst betont, neue Wissenschaft einführt, der er folgerichtig einen ebenfalls neuen Namen verleiht. 1876 veröffentlichte der Ingenieur Reinhard Baumeister das Buch Stadt-Erweiterungen in technischer, baupolizeilicher und wirthschaftlicher Beziehung, in dessen 22 Kapiteln das damalige Stadtbauwesen systematisiert wird. 1889 konterte der Wiener Architekt Camillo Sitte mit seinem schmalen Bestseller Der Städte-Bau nach seinen künstlerischen Grundsätzen; 15 Jahre später gründete er zusammen mit dem deutschen Architekten, Baubeamten und Denkmalpfleger Theodor Goecke die Zeitschrift Der Städtebau, eine Monatszeitschrift für die künstlerische Ausgestaltung der Städte nach ihren wirtschaftlichen, gesundheitlichen und sozialen Grundsätzen, die ein Jahrzehnt lang das wichtigste Forum der jungen Disziplin bilden sollte. 1920 publizierte der Kunsthistoriker Albert Erich Brinckmann unter dem Titel Stadtbaukunst. Geschichtliche Querschnitte und neuzeitliche Ziele die erste umfassende und zugleich operative Geschichte der Stadtbaukunst. Damit war der moderne wissenschaftliche Städtebau geboren.

An dieser Geburt waren neben Ingenieuren wie Cerdà und Baumeister auch Architekten wie Sitte, Hendrik Petrus Berlage oder Daniel Hudson Burnham, Ökonomen wie Rudolf Eberstadt oder Werner Hegemann, Soziologen wie Max Weber, Philosophen wie Georg Simmel, Naturwissenschaftler wie Patrick Geddes, Historiker wie Marcel Poëte, Kunsthistoriker wie Brinckmann und Kunstkritiker wie Karl Scheffler beteiligt. Die Zusammenarbeit von Experten verschiedener Disziplinen führte zur Konstituierung einer neuen Wissenschaft als multidisziplinäres Projekt, das der Komplexität seines Gegenstands gerecht wurde, ohne die eigene zentrale Bestimmung aus dem Visier zu verlieren: die Deutung und Definition der gebauten Form der Stadt.

Doch sollte ausgerechnet die größte Stärke dieses Projekts, die radikale Multidisziplinarität, sich als seine Achillesferse erweisen. Die beteiligten Disziplinen begannen bald, ihre eigene Urbanistik zu betreiben, etwa die Stadtsoziologie oder die Humangeografie; und der Städtebau selbst verlor an der Gesellschaftswissenschaft, der Ökonomie, der Geografie, aber auch am Ingenieurwesen, der Raumordnung, der Raumplanung, der Landschaftsarchitektur und nicht zuletzt der Architektur seine neu und mühsam eroberte Eigenständigkeit. Es ist kein Zufall, dass bis heute keine spezifische Ausbildungsinstitution für Städtebau existiert. Das Paradoxon ist umso erschütternder, als inzwischen über die Hälfte der Bewohner unserer Welt in Städten lebt; bis 2050 werden es vermutlich drei Viertel sein. Die urbane Bevölkerung nimmt um 10.000 Menschen pro Stunde zu und verbraucht dafür je nach Land zwischen etwas mehr als einem Drittel und drei Hektar Land. Die Megalopolen, jene immensen Stadtregionen, denen der französische Geograf Jean Gottmann mit seinem einflussreichen Buch von 1961 den Namen gab, aber auch die traditionelleren Groß- und Kleinstädte sind zum Schlüssel der politischen, ökonomischen und ökologischen Entwicklung unserer Gesellschaften geraten; und der Städtebau in eine zentrale Verantwortlichkeit. Um die damit zusammenhängenden Aufgaben zu bewältigen, wird dieser neue Kompetenzen entwickeln, aber auch leichtfertig vergessene wieder beleben müssen. Zuallererst wird der Städtebau sich aber auf seine ursprüngliche Bestimmung zu besinnen haben: die menschengerechte, funktionelle, nachhaltige sowie ästhetisch und kulturell anspruchsvolle Gestaltung unserer urbanen Umwelt. Und darauf, dass er diese Bestimmung nicht wird erfüllen können, wenn nicht Planung und Entwurf (wieder) zusammengeführt werden: auf der einen Seite also die objektive Erhebung von umweltrelevanten Daten, ihre Vernetzung und ihre Überführung in Handlungsstrategien, für welche die Verfügbarkeit von big data und die Möglichkeit ihrer elektronischen Verknüpfung und Auswertung bislang unvorstellbare Möglichkeiten eröffnen; auf der anderen die subjektive Umsetzung dieser Strategien über kulturelle und ästhetische Programme in eine eindeutig definierte physische Form.

Diese Forderung, die im ursprünglichen multidisziplinären Projekt wurzelt, scheint selbstverständlich, ist es aber seit Jahrzehnten nicht mehr. Die Krise, in die sich der Städtebau hineinmanövriert hat, indem er den Bezug zur dreidimensionalen Umweltgestaltung zugunsten einer zunehmenden Abstraktion aufgeben und sich neu Stadtplanung nennen zu müssen glaubte, hat spätestens in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts zu seiner Isolierung und stellenweise auch zu seiner Marginalisierung geführt. In das Vakuum, das sein Rückzug hinterlassen hat, ist zunächst die Architektur getreten. Freilich kann der Erfolg, den diese Okkupation hatte, nicht über deren palliativen Charakter hinwegtäuschen: Allzu deutlich sind, vor allem im Rückblick, die Grenzen geworden. Die Einzelarchitekturen, die als städtebauliche Katalysatoren gemeint waren, haben uns zwar gelehrt, die Stadt und die unmittelbar angrenzende Landschaft neu zu lesen, haben diese aber nicht großflächig verwandelt. Als Modelle, die zur Nachahmung empfohlen wurden, haben die Monumente der Architekten ebenso versagt wie die Diagramme der Planer; und sie haben zugelassen, dass sich um sie herum die gleiche Mittelmäßigkeit ausbreitete, die zu überwinden sie angetreten waren.

Ende des 20. Jahrhunderts anerbot sich die Landschaftsarchitektur, den immer noch in Überforderung erstarrten Städtebau zu ersetzen. Der Einzug der Natur in die Stadt, den das 19. Jahrhundert bereits eingeleitet hatte, wurde dadurch in neuen, vielgestaltigen und einnehmenden Variationen fortgeschrieben, die Stadt selbst allerdings geglättet, heruntergespielt und geschwächt. Das moderne Revival der Stadtlandschaft der Nachkriegszeit bedroht ausgerechnet jene Urbanität, die mittlerweile allenthalben eingefordert wird. Die neuen Städtebauer werden zwar, wie vor einem guten Jahrhundert, eng mit den Architekten und den Landschaftsarchitekten (und mit den Ingenieuren, den Verkehrsplanern, den Soziologen, den Ökonomen) zusammenarbeiten müssen, aber als eigenständige Vertreter einer eigenständigen Disziplin. Sie werden als Entwerfer und Gestalter auftreten müssen, zuvor aber als Forscher und Wissenschaftler. Städtebau ist weniger der geniale Wurf als das geduldige Aufbauen auf Grundlagen, die teilweise bestehen und teilweise geschaffen werden müssen. Nicht zufällig handelt es sich um eine Disziplin, in der die Manualistik immer schon geblüht hat: von den Traktaten der Antike bis zu jenen der Renaissance, von den großen Abhandlungen des Barock und des Klassizismus bis hin zu den Handbüchern des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Ihnen allen ging es weniger darum, einen Kanon festzuschreiben, als Wissen zu sammeln und zu systematisieren, um es verfügbar zu machen. Städtebau ist, wenn auch immer und notwendigerweise kreativ, primär eine Wissenschaft, wenngleich eine Wissenschaft ohne Axiom, und sie verlangt neben dem schöpferischen Akt eine methodische Arbeit.

Für diese Arbeit wird sich die urbanistische Disziplin der eigenen Tradition erinnern müssen. Diese Rückbesinnung steht in keinem Widerspruch zur Innovation, welche die veränderten Verhältnisse erfordern, im Gegenteil: Radikal und dabei sachkundig Neues vermag nur aus einem langen Gedächtnis zu kommen. Die Verpflichtung gegenüber der Geschichte muss zunächst direkt sein. Eine Planung, die sich anschickt, Stadt und Land zu ordnen, darf sich nicht als Erfüllungsgehilfin eines Modernisierungsvandalismus gebärden, der im Namen eines einseitig verstandenen Fortschritts das zerstört, was eben diesem Fortschritt als Grundlage zu dienen hat. Unsere Städte, unsere Dörfer, unsere Landschaften sind nicht nur Orte der Produktion und der Sozialisation; sie sind auch und vor allem zu erhaltende Kulturgüter. Man bewahrt sie, indem man sie verändert. Aber die Veränderung muss mit der Sorgfalt und Behutsamkeit vonstattengehen, die solche Kulturgüter verdienen.

Die Verpflichtung gegenüber der Geschichte muss aber auch methodisch wirken. Gerade wenn sich Städtebau theoretisch und praktisch auf die epochalen Umbrüche einstellen will, die heute durch die ökologische, durch die demografische und nicht zuletzt durch die telematische Revolution Stadt und Land ergreifen, muss er seine eigene Vergangenheit nach den Theorien durchsuchen, die ähnliche Umwälzungen bereits systematisch erfasst haben; nach den stadtarchitektonischen Modellen, die er aufgrund dieser Theorien hervorgebracht hat und die sich im Gebrauch bewährt haben; und nach den Planungsinstrumenten, die diese Modelle wirksam umgesetzt haben. Die Geschichte der Stadtarchitektur ist insofern ein Gedächtnis von Strategien, das auf aktuelle Ansprüche hin durchsucht werden muss. Das heißt alles andere als kopieren und ist eher ein Mittel, das vor Plagiaten, auch unbeabsichtigten, bewahrt. Im Mittelpunkt steht dabei freilich die konkrete, gebaute, gelebte Stadt, genauer: die historische Stadt. In einer Zeit entstanden, als die urbs noch Abbild ihrer civitas und mithin kein mehr oder minder strukturiertes Konglomerat von Funktionen war, sondern ein veritables Wesen, förderte sie (und fördert nach wie vor) auch eine individuelle, persönliche Beziehung mit eben diesem Wesen. Diese Beziehung ist eine physische, intellektuelle und zugleich emotionale Auseinandersetzung, die Lernen und Erinnern erlaubt und damit gemeinsame Identifikationen jenseits aller Ungleichheit. Das macht sie zum produktiven ideologischen Dispositiv, das die Konstruktion und Verfeinerung einer Gemeinschaft fördert.

Die Geschichte der Stadtarchitektur ist jedoch mehr als dies: Sie ist, mit kritischer Vernunft gepflegt, selbst ein Instrument der konstruktiven Kritik. Dadurch, dass sie über die urbanen Bilder hinaus zu den urbanen Ideen vordringt, auf welchen diese Bilder gründen, liefert sie den Schlüssel zu deren Verknüpfung. Und damit auch den Schlüssel, um zeitgenössische Stadtprojekte fundiert zu bewerten – die eigenen eingeschlossen. Mit anderen Worten: Sie ermöglicht Entwurfsentscheidungen jenseits von rein subjektiven Geschmacksneigungen und ausschließlich ästhetischen Vorlieben. So ist die bestehende (realisierte, aber auch nur erdachte und gezeichnete) Stadtarchitektur potenziell beides: Baumaterial und Anleitung zum kritischen Umgang mit jenem Baumaterial. Das Studium der Städte der Welt erschließt eine Art Thesaurus von Elementen, Straßen, Plätzen, Höfen, Passagen, Parkanlagen, Flusskais und Esplanaden, die in unzähligen (und oft wunderbaren) Ausprägungen variiert nur darauf zu warten scheinen, ausgemessen, untersucht, neu erfunden und umgesetzt zu werden. Zugleich gibt es dadurch, dass es diese Elemente in Beziehung setzt zu den Voraussetzungen, aus denen sie hervorgegangen sind, und zu den Folgen, die sie gezeitigt haben, die Parameter an die Hand, um deren Neuerfindungen zu bewerten. Anders ausgedrückt: um reflektierter zu entwerfen. Denn das werden die neuen Städtebauer nach wie vor und sogar mehr denn je tun müssen: Städte, Stadtteile, Stadtelemente, Stadtfragmente zeichnen. Sie sind die Einzigen, die das können. Sie sind die Einzigen, die über die Kompetenz verfügen, die zahllosen Informationen, Wünsche und Begehrlichkeiten zur Stadt in eine konkrete Form zu gießen. Mit anderen Worten: die Einzigen, die aufgrund ihres disziplinären urbanistischen Wissens aus den Analysen und Datenerhebungen eine eigenständige und durchaus auch persönlich gefärbte physische städtebauliche Konfiguration zu schaffen vermögen. Die Aufgaben, die das zeitgenössische Leben stellt, sind kaum jene der Vergangenheit, genauso wenig wie die technischen Mittel, um diese Aufgaben zu lösen. Entsprechend werden die Resultate, wenn sie aus den zugehörigen Programmen abgeleitet sind, notwendigerweise modern sein, ohne rückwärtsgewandte Nostalgie, aber auch ohne futuristische Verbissenheit. Vor allem aber: Sie werden die Disziplin des Städtebaus erneut mit dem menschlichen Leben zusammenbringen, das diese zu behausen und zu bereichern seit jeher aufgerufen war und immer noch ist.

Topos (2003), Nr. 45, S. 90–97; siehe ebenso: »Erfindung, Gedächtnis und kritische Wissenschaft. Für eine Neugründung der Disziplin Städtebau«, in: Vittorio Magnago Lampugnani – Stadtarchitekturen/Urban Architectures, Luzern: Quart Verlag, 2006, S. 9–13.